
Konzept↓
Zweiter
Abschluss-Gedenktag
von
Moritz Moll
Wiederkehr des Datums 23. März
Zeremonien beziehen sich oft auf einen Anfang oder ein Ende. Sie finden häufig öffentlich oder vor einem Publikum in repräsentativem Rahmen statt. Sie werden dann vom Publikum beobachtet und von allen als etwas Reales wahrgenommen. Wenn sie von niemandem beobachtet würden, dann würden diese einmaligen Ereignisse zu Gespenstern. Die Ausstellung ist eine kreative Zusammenarbeit zwischen dem jungen deutschen Maler Moritz Moll und uns “Hanchika”. Und sie ist ein Rezept gegen »Gespenstisierung«. Ihr Fokus liegt darauf, wie wir uns an Ereignisse erinnern können, die zu Geistern geworden sind.

Am 23. März 2021 war Diplomprüfungstag an der Münchner Kunstakademie. Aufgrund der Corona-Pandemie musste die Ausstellung der Abschlussarbeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit, also ohne Publikum, stattfinden. Moritz Moll ist ein Absolvent dieses tragischen Jahrgangs. Moritz hatte eine brillante Antwort auf dieses einmalige Ereignis: Als Teil seiner Abschlussarbeit porträtierte er sein Publikum, seine Bekannten und Freunde, die die Ausstellung nicht besuchen konnten.
Sein Werk ist ein indirektes Merkmal dieser pandemischen Epoche. Durch das Hinzufügen des kodierten Merkmals “Datum” wird dieses Werk verstärkt.
Derrida sagte über das “Datum” oder die kodierten Merkmale:
Indem sie das absolut Einzigartige festhalten und vermerken, müssen sie sich ent-kennzeichnen (se dé-marquer) und gleichzeitig, auf ein Mal (à la fois), durch die Möglichkeit des erinnernden Gedenkens sich ihrer selbst entledigen. Sie haben nur in dem Maße die Fähigkeit zu markieren, wie ihre Lesbarkeit vermag, die Möglichkeit einer Wiederkehr anzukündigen. Nicht die absolute Wiederkehr dessen, was nicht wiederkehren kann, eine Geburt oder eine Beschneidung, die nur ein einziges Mal geschehen können; das versteht sich von selbst; aber die gespensterhafte Wiederkehr dessen, was einmalig auf der Welt ist und deshalb nicht wiederkehren kann. Ein Datum ist ein Gespenst. Doch dieses gespensterhafte Wiedergängertum der unmöglichen Wiederkehr prägt sich als Zeichen in das Datum ein, es besiegelt oder präzisiert sich im Jahresring der Wiederkehr, die vom Code garantiert wird. Zum Beispiel vom Kalender.
Jacques Derrida
Schibboleth Für Paul Celan
Aus dem Französischen von Wolfgang Sebastian Baur
Was wäre, wenn es mehr als nur einen “23. März” gäbe? Würde sich der “23. März” nicht jedes Jahr wiederholen und zu seinem eigenen Wiedergänger werden? Mit dem kodierten Merkmal eines Jahrestages könnte eine Vielzahl von Wiedergängern aus verschiedenen Epochen zu einem einzigen verschmelzen. Mit anderen Worten, diese Wiedergänger werden durch das Zeichen des Datums des “23. März” zusammengefasst, überlagert und retrospektiv beobachtbar gemacht.
An jenem 23. März 2021 war das Diplom von Moritz Moll, ein einmaliges Ereignis, nicht beobachtet. Doch mit der Ausstellung der Serie “Publikum”, ihrer digitalen Reproduktion und der Wiederkehr des Datums “23. März” wird der Wiedergänger dieses Ereignisses von den Menschen wahrgenommen und nachträglich als absolut einzigartig in Erinnerung behalten.

Publikum
2021
Öl auf Leinwand
40 x 30 cm, 48-teilig
In der Serie “Publikum” portraitiert Moritz Moll 48 Ausstellungsbesucher, die der Diplomausstellung 2021 an der Akademie der Bildenden Künste München aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen fern bleiben mussten. Durch die Heterogenität des Quellenmaterials entsteht ein nichtlineares Zeitdokument, in dem alle Personen aus ihrem zeitlichen Kontext heraustreten.

365-Jahres-Kalender (nur für “23. März”)
2023
Tinte auf Papier, Stahl, Faden
11 x 17,5 cm
Für die Ausstellung wurde ein Tageskalender zur Feier des Studienabschlusses von Moritz Moll angefertigt. Es handelt sich nicht um einen Kalender für 365 Tage im Jahr, sondern um einen tagesgenauen Kalender nur für den 23. März, der 365 Jahre hat. Dieser Kalender bleibt auch nach seinem Tod bestehen und wird weiterhin das Datum anzeigen.